art – Das Kunstmagazin | Juli 2014

art das Kunstmagazin – Juli 2014 – Radar >> Themen des Monats. PDF >> (1 mb)

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Radar >> Themen des Monats
von Ralf Schlüter

„Kunst aus dem Off“

Wer ab und zu mal im Flugzeug sitzt, meint die Welt von oben zu kennen. Die Fotoarbeiten des Piloten Christian Block zeigen: Es gibt da oben viel mehr, als wir ahnten.

Diese Kunst kommt tatsächlich aus dem Off: Sie entsteht über den Wolken, am Rande unserer greif- und bereisbaren Welt. Aufmerksam wurden wir auf die Bilder des hauptberuflichen Piloten Christian Block nicht durch eine Galerie oder einen Kunstverein – es war seine eigene Zuschrift an die Redaktion, die unser Interesse hervorrief. „Meine Arbeiten entstehen im und aus dem Cockpit einer Boeing 747“, schrieb Block. „Sie sind in den Maßen 22 mal 15 Zentimeter bis 360 mal 240 Zentimeter auf Dibond / Acryl oder Dibond / UV-Schutz produziert.“
Wenn wir sagen, dass der Künstler eine privilegierte Wahrnehmungsposition einnimmt, so beziehen wir das meist auf seine Ideen und visuellen Strategien. Bei Block kann man es auch ganz wörtlich verstehen: Er sitzt im Cockpit großer Passagierflugzeuge, nicht viele Menschen weltweit arbeiten an einem Ort, der solche Ausblicke bietet. Blocks Bilder erlauben uns, dabei zu sein: „Wir kommen den Gewitterwolken ganz nahe, sehen einen Jumbo von China Airlines aus einer Entfernung von 300 Metern über München an uns vorbeifliegen, oder den Schatten des eigenen Flugzeugs in der Wüste vor Baku.“  ln einem Text beschreibt Block das Erlebnis des Fliegens, das in Zeiten der Billiglinien seinen Zauber verloren zu haben schien: „Dem Tag zu entfliegen, der Nacht entgegen. Über duftige, schwerelose Wolken und Nebelbänke hinweg, in tintenschwarzer Dunkelheit herum um kilometerhohe Gewittertürme, voller ungeahnter Energie, geradewegs in den Sonnenaufgang. Den ersten Sonnenstrahl wahrzunehmen, der von den Berggipfeln des Himalaya rot glühend erwidert wird. Oder während eines Nachtflugs über dem pechschwarzen Atlantik. Doch nein, es ist nie völlig dunkel, fast immer ist der Horizont erkennbar, die Sterne und manchmal der Mond begleiten den Weg über das Wasser.“

Blocks Bilder sind von ihrer Haltung her auf gute Weise naiv: Ihr Ursprung ist das Staunen über Phänomene, die zwar naturwissenschaftlich beschreibbar sind, deren Anblick uns aber ein Gefühl von Unbegreiflichkeit gibt. Block verzichtet auf konzeptuelle Überhöhung. Seine Bilder leben von der Reduktion auf wenige, prägnante Motive, die Darstellungen und Zeichen auf den Cockpit-Bildschirmen bezieht er selbstverständlich mit ein . Wer Christian Blocks Fotografien sieht, bereut dann doch, seinen Kindertraum irgendwann aufgegeben zu haben: Pilot zu werden!

Bildunterschriften:
Unten: Normalerweise sitzt dieser Herr im Cockpit der 747 Christian Block, Pilot und Fotograf
Oben, von links: ein Airbus, den Blocks Maschine auf dem Weg nach Hongkong überholt; eine Gewitterwolke über Indien; Blick aus dem Fenster auf der Startbahn 24 in Luxemburg

Quelle und Copyright: art – Das Kunstmagazin | Juli 2014 | Radar >> Themen des Monats | Seite 18/19

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